Reisebericht Mumbai

— Das Interview führte Helen Khorrami.

Vergleichbar mit Shanghai, ist Mumbai die Boom-Metropole Indiens. Wirtschaft so wie Bevölkerung wachsen stetig. Leider steigen damit auch Armut, Hunger, Umweltverschmutzung und Elend. Inmitten dieser facettenreichen Stadt befindet sich unsere Partnerwerkstatt, wo unsere Kleidungsstücke von rund 25 Frauen produziert werden. Wir reisen regelmäßig nach Mumbai, um uns ein Bild von der Arbeit vor Ort zu machen und den Frauen die neuen Schnitte der kommenden Kollektionen zu zeigen und beizubringen. Ganz zentral ist da die Arbeit von unserer Designerin Kathrin, die nun schon zum dritten Mal dort war.

Kathrin, Du bist gerade frisch von einem einmonatigen Aufenthalt in Indien zurück. Welcome back erstmal!



Was muss alles vorab erledigt sein? Was ist so Deine To-Do Liste vor einer Reise nach Mumbai?

Ich reise ja in der Regel zur Vorstellung der neuen Kollektion nach Mumbai. Das heißt also bevor ich fliege ist es ganz wichtig, dass wir von allen Teilen, die in Produktion gehen sollen in der jeweiligen Kollektion, ein genaues Musterteil haben. Der Schnitt zu dem Teil muss fertig sein, so dass im Idealfall vor Ort nur noch kleine Änderungen gemacht werden müssen. Unser Ziel ist es, dass nach der Reise sowohl in unserer Werkstatt als auch bei uns ein optimales Vorlageteil vorhanden ist. Neben organisatorischen Dingen wie dem Visum ist das die wichtigste Vorbereitung.

Auf was freust Du Dich am meisten, wenn es nach Mumbai geht?

Am meisten freue ich mich eigentlich immer darauf die Frauen aus der Werkstatt wiederzusehen. Das ist mit das schönste Erlebnis, wenn man sieht, was sich verändert hat in ihren Leben, man gemeinsam Erfolge und bestandene Prüfungen feiern kann. Es macht immer wahnsinnig Spaß Zeit mit ihnen zu verbringen, sich upzudaten. Wie man das eben bei Familientreffen auch macht.

Dieses Mal waren noch ein paar andere Gäste in Mumbai.

Ja, der Besuch war dieses Mal besonders, weil am ersten Februar eine Delegation der Stadt Stuttgart im Rahmen ihrer Reise zur Städtepartnerschaft Stuttgart - Mumbai zu Besuch in der Werkstatt war. Dabei waren z.B. Fritz Kuhn und seine Frau Waltraud Ulshöfer, Abgeordnete aus dem Stadtrat, Mitarbeiter vom Weingut der Stadt Stuttgart und weitere Gäste. Über den Winter haben wir für die Stadt Stuttgart Produkte wie Ipad Hüllen und kleine Täschchen produziert. Wir haben uns sehr über das Vertrauen und die Unterstützung für unser Projekt gefreut. Der Besuch war ein toller Tag, für die CHAIIM-Foundation, als auch natürlich für uns. Die Frauen hatten ein kleines Programm vorbereitet und fleißig geprobt. Es ist schön zu sehen dass die Stadt Stuttgart ein so toller Partner geworden ist, der mit Herzblut hinter unserem humanitären Projekt steht.

Wie sieht denn so Dein typischer Tag in der Werkstatt aus?

Meistens spreche ich mich zunächst mit Ramona bezüglich der ToDos ab und wir planen die Produktionsziele für den Tag. Dann machen wir eine kleine Runde durch die Werkstatt. Es ist wichtig für mich, den Kontakt zu den Frauen und Mitarbeitern zu pflegen. Dann machen wir uns ans Nähen von Musterteilen, bzw. Vorlageteilen für die Produktion. Dabei werden immer wieder kleine Feinschliffe vorgenommen, um die optimale Qualität heraus zu arbeiten. Dafür machen wir auch kleine Tests und Nähproben, solange bis wir mit dem Teil zufrieden sind. Ganz wichtiger Tagesbestandteil ist die gemeinsame Besprechung mit den Mitarbeitern aus der Produktion, um offene Fragen zur Kollektion zu klären. Auch die Qualitätsansprüche,die Datenblätter zu unseren Styles und die Checkliste zur Qualitätskontrolle gehen wir gemeinsam durch. Mir ist auch wichtig dem Team vor Ort Feedback über die vorangegangene Kollektion zu geben. Wo Schwierigkeiten lagen, Probleme mit der Qualität aufkamen und was wir alles in Allem besser machen können, bzw. was die Produktion braucht, um besser arbeiten zu können. Was an einem Tag bei CHAIIM nicht fehlen darf: Gemeinsame Chai Tea Time am Nachmittag. Zwischenmenschliche Beziehungen und der Mensch als Einzelner sind CHAIIM sehr wichtig.

Merkst Du eine Weiterentwicklung bei den Frauen, die Du schon länger kennst? Was ihre Person und ihre Arbeit angeht?

Absolut. Es ist total schön zu sehen, wie sich die Frauen tatsächlich weiterentwickeln. Z.B. eine Frau, die schon länger dabei ist, hat jetzt tatsächlich, dadurch dass sie ein „money saving Training“ bekommen hat bei CHAIIM, so viel Geld zusammengespart, dass sie nach einigen Jahren mit ihrem Mann in ein eigenes Haus ziehen kann. Das ist super cool und so spannend und das ermutigt einen natürlich auch für die Alltagsarbeit. Wenn man weiß, dass so coole Sachen aus diesem Projekt entstehen können, das ist Wahnsinn. Das ändert alles.

Während meiner Recherche über Mumbai bin ich über ziemlich krasse Zahlen gestolpert, fast 20 Mio. Einwohner und rund 28.000 Menschen pro Quadratkilometer….wie lebt es sich da so?

Wild und bunt. Es ist ein sehr lebendiges, pulsierendes Leben. Manchmal hat man schon das Gefühl, wenn man in der Stadt ist, dass es kaum Orte gibt, an denen keine Menschen wohnen. Das kann natürlich unterschiedlich extrem ausfallen. Im Stadtzentrum von Mumbai kann man sehen, wie zwischen den Häusern noch unter Planen sich Menschen Häuser gebaut haben, weil sie sich das normale Wohnen nicht mehr leisten können, und sie nach und nach aus ihrem Lebensraum verdrängt werden. Was mich persönlich sehr inspiriert ist die indische Kultur selbst, dass sie sp lebendig, turbulent und bunt ist. Das find ich auch unglaublich inspirierend für unsere Arbeit hier, oder auch für meine kreative Arbeit.

Ein großes Thema in Mumbai ist ja die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, hast Du das auch gesehen?

Ja absolut. Man sieht viele Menschen, jung, alt, die auf der Straße leben. Auch die Slums sind ein sehr großes Gebiet in vielen Städten. Das schmerzt sehr. Mich freut es dann umso mehr, wenn man andere Projekte kennen und Menschen kennen lernt, die sich dafür einsetzen, dass die Schere ein Stück weit geschlossen wird und mehr Chancengleichheit entsteht.

Du warst ja jetzt schon ein paar Mal dort, aber hattest Du bei Deinem ersten Besuch einen „Kulturschock“? Hast Du immer noch einen?

Ja vielleicht ist der größere Kulturschock, wenn man wieder hierher kommt. Beim ersten Mal war es natürlich auch schwer direkt ins indische Alltagsleben einzusteigen. Das geht beim Straßenverkehr los und endet beim Essen. Das ist schon eine Umstellung, aber bei den nächsten Besuchen war es schon viel viel einfacher. Und ich hab tatsächlich mittlerweile schon das Gefühl, dass ich an einen vertrauten Ort zurückkomme. Ich fühle mich wohl gerade in dem Viertel, in dem auch die Werkstatt liegt, und da ist der Kulturschock jetzt nicht mehr so groß. Meistens trifft mich der Schlag ein bisschen, wenn ich wieder zurück hierher komme und dann bestimmte Dinge aus Indien vermisse. Gerade so was wie Hilfsbereitschaft und diese bedingungslose Freundlichkeit der indischen Kultur, davon können wir uns ordentlich was abschauen.

Wo wohnst Du, wenn Du dort bist?

Unterschiedlich. Dieses Mal habe ich in einem super netten Apartment gewohnt, bei einer Frau, die ich vorher noch nicht kannte. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass wir von den Themen, die uns beschäftigen, gerade Themen wie Frauen Empowerment, Menschenhandel oder Frauenrechte in Indien, viel gemeinsam hatten und wir haben uns richtig gut verstanden. Es war super schön auch von ihr mitzubekommen, wie sie sich als indische Frau in der Gesellschaft sieht und fühlt. Wir werden uns auf jeden Fall wiedersehen.

Was sind Deine „Indien-Essentials“, die du immer einpackst, wenn es nach Indien geht?

Mückenspray für den Tag und für die Nacht nehme ich ausreichend mit, weil es schon viele Mücken gibt, zumindest in der Monsoon-Zeit. Da scheine ich beliebte Beute zu sein... :) Was pack ich noch ein? … Auf jeden Fall leichte Kleidung, die aber nicht zu freizügig ist.

Dein Lieblingsspot in Mumbai? Oder mehrere?

Das ist jetzt garnicht so einfach…. Mein Lieblingsspot ist glaube ich tatsächlich der Balkon der CHAIIM Foundation. Das ist einfach so ein friedlicher und ruhiger Ort... Eine kleine Oase in so einer turbulenten Stadt. Ein Must-See für mich in Mumbai ist aber auch die goldene Pagoda, also die Global Vipassana Pagoda. Das ist ein prachtvoller Tempel, den man besuchen und zu dem man mit einer Fähre fahren kann. Lohnt sich auf jeden Fall mal anzuschauen, das ist sehr beeindruckend.